Artikel · Alka Celić
Doppelte Wesentlichkeitsanalyse für KMU: Was sie ist und wie sie in der Praxis funktioniert
Der Begriff klingt sperrig, das Konzept ist es nicht: Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse (dWA) ist im Kern eine strukturierte Bestandsaufnahme. Sie beantwortet zwei Fragen, die für jedes Unternehmen relevant sind, unabhängig davon, ob eine Berichtspflicht besteht oder nicht: Wo wirkt mein Unternehmen auf Mensch und Umwelt? Und welche Nachhaltigkeitsthemen wirken finanziell auf mein Unternehmen zurück?
In diesem Beitrag ordne ich ein, für wen die dWA heute noch relevant ist, was inhaltlich dahintersteckt und wie sie sich in der Praxis mit vertretbarem Aufwand durchführen lässt.
Warum das Thema nach dem Omnibus nicht erledigt ist
Mit dem Omnibus-Vorschlag der EU-Kommission wurde der Kreis der zur Berichterstattung verpflichteten Unternehmen deutlich verkleinert: Betroffen sind nun im Kern Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten, mehr als 50 Millionen Euro Umsatz oder mehr als 25 Millionen Euro Bilanzsumme. Für viele KMU und Mittelständler fällt damit die unmittelbare gesetzliche Pflicht zur dWA weg.
Trotzdem bleibt das Thema präsent, aus zwei Gründen. Erstens taucht die dWA indirekt wieder auf, wenn größere Kunden oder Banken im Rahmen der Lieferkette Informationen anfragen, etwa über den VSME-Standard. Zweitens ist die dWA unabhängig von jeder Berichtspflicht ein nützliches Instrument: Sie schafft eine belastbare Grundlage für die eigene Nachhaltigkeitsstrategie und hilft, aus einer langen Liste möglicher Themen die tatsächlich relevanten herauszufiltern.
Was die doppelte Wesentlichkeit konkret bedeutet
Der Begriff „doppelt" bezieht sich auf zwei Blickrichtungen, die in der Praxis oft mit den Kürzeln IRO abgekürzt werden: Impact, Risk, Opportunity.
Impact Materiality (Inside-Out-Perspektive): Welche Auswirkungen hat das eigene Geschäftsmodell auf Nachhaltigkeitsaspekte, etwa auf Klima, Wasser, Beschäftigte oder betroffene Gemeinschaften? Bewertet wird hier unter anderem nach Ausmaß, Umfang und Schweregrad der Auswirkung.
Financial Materiality (Outside-In-Perspektive): Welche Risiken und Chancen ergeben sich aus Nachhaltigkeitsthemen für das Unternehmen selbst, finanziell betrachtet? Hier zählen vor allem das finanzielle Ausmaß und die Eintrittswahrscheinlichkeit.
Ein Thema kann in nur einer der beiden Perspektiven wesentlich sein oder in beiden. Genau das macht die Analyse „doppelt": Es reicht nicht, nur nach außen oder nur nach innen zu schauen.
Wichtig für die Praxis: Auswirkungen, Risiken und Chancen sind nicht nur im eigenen Betrieb zu betrachten, sondern auch entlang der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette.
Von der Longlist zur Shortlist
Ausgangspunkt ist meist eine lange Liste möglicher Nachhaltigkeitsthemen, gegliedert nach Umwelt, Sozialem und Governance. Die ESRS (European Sustainability Reporting Standards) geben dafür einen Themenkatalog vor: zehn übergeordnete Themen, aufgeteilt in knapp vierzig Unterthemen und weitere Unter-Unterthemen. Der VSME-Standard für KMU arbeitet mit einer deutlich schlankeren Struktur.
Die dWA ist der Filter, der aus dieser Longlist die Shortlist macht: die Themen, die für das jeweilige Unternehmen tatsächlich wesentlich sind und über die es sich lohnt, Strategie und Berichterstattung aufzubauen.
Der Ablauf in der Praxis
Unabhängig davon, ob am Ende ein vollständiger CSRD-Bericht steht oder nur eine informelle Einschätzung für die eigene Steuerung, folgt eine dWA in der Praxis immer einem ähnlichen Muster:
- Wertschöpfungskette beschreiben: Wer sind die zentralen Akteure vor, während und nach der eigenen Wertschöpfung?
- IROs identifizieren: Welche Auswirkungen, Risiken und Chancen gibt es entlang dieser Kette?
- IROs beschreiben: Wie genau äußern sich diese, und wo entstehen sie?
- Schwellenwerte festlegen: Ab wann gilt ein Thema als wesentlich?
- IROs bewerten: Einordnung nach den jeweiligen Kriterien der beiden Perspektiven.
- Bewertung dokumentieren: Nachvollziehbar festhalten, wie die Einschätzung zustande kam.
- Stakeholder einbeziehen: Sichtweisen von Beschäftigten, Kunden oder anderen Anspruchsgruppen einholen.
Für Unternehmen, die nicht prüfpflichtig berichten, muss dieser Prozess nicht in jedem Schritt in voller Tiefe durchlaufen werden. Entscheidend ist, dass die Identifikation und Bewertung der IROs gründlich erfolgt und mit gesundem Menschenverstand nachvollziehbar bleibt. Bei der Dokumentation, der Beschreibung der Wertschöpfungskette und der Stakeholdereinbindung reicht es oft, so viel zu tun, wie für die eigene Steuerung nützlich ist.
Was intern machbar ist und wo sich externe Unterstützung lohnt
Aus meiner Erfahrung mit über 40 begleiteten DNK-Erklärungen und laufenden VSME-Projekten zeigt sich ein klares Muster: Die meisten Arbeitsschritte einer dWA lassen sich mit einer guten Anleitung und der Möglichkeit für Rückfragen im Unternehmen selbst durchführen. Das gilt für die Beschreibung der Wertschöpfungskette, die Dokumentation und die Einbindung von Stakeholdern.
Zwei Schritte sind die Ausnahme: die Identifikation der IROs und ihre Bewertung. Hier zahlt sich externe Expertise am meisten aus, weil ein geübter Blick auf branchenspezifische Risiken und Auswirkungen den Unterschied macht zwischen einer Liste, die auf dem Papier vollständig wirkt, und einer, die tatsächlich trägt.
Eine kurze Einordnung zum VSME
Der VSME-Standard verlangt keine detaillierte dWA. An mehreren Stellen, etwa bei den Angaben zu negativen und positiven Auswirkungen auf Mensch und Umwelt oder bei klimabezogenen Risiken, wird jedoch implizit vorausgesetzt, dass ein Unternehmen seine wesentlichen Themen kennt. Eine schlanke, informelle Wesentlichkeitsanalyse ist damit auch für VSME-Anwender in der Regel die bessere Ausgangslage als der Versuch, diese Angaben ohne systematische Vorarbeit zu füllen.
Fazit
Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse ist kein Selbstzweck und keine reine Pflichtübung für berichtspflichtige Unternehmen. Richtig zugeschnitten ist sie für KMU ein praktisches Werkzeug, um aus einer unübersichtlichen Themenlandschaft die eigenen Prioritäten herauszuarbeiten, sei es für die Berichterstattung, für Kundenanfragen entlang der Lieferkette oder schlicht für eine fundiertere Nachhaltigkeitssteuerung im eigenen Haus.
Wenn Sie einschätzen möchten, wie eine dWA für Ihr Unternehmen aussehen könnte und welcher Detailgrad wirklich notwendig ist, sprechen Sie mich gerne an.