Artikel · Alka Celić

Nachhaltigkeit 2026: Wir müssen ja jetzt nicht mehr. Das große Missverständnis.


Das Omnibus-Paket hat Regeln verschoben, nicht die Realität. Was jetzt bleibt, was kommt und wie Du daraus Handlungskraft schöpfst.

Für mich persönlich war 2025 das härteste Jahr meiner Selbstständigkeit. Die EU hob die Schwellenwerte für die Nachhaltigkeitsberichterstattung von 250 auf 1.000 Mitarbeitende an. Was politisch als Entbürokratisierung gefeiert wurde, traf mich mit voller Wucht: Projekte, die kurz vor dem Start standen, wurden gestoppt. Vereinbarte Zusammenarbeiten kamen nie zustande. Kunden sagten ab mit dem Satz: „Wir müssen ja jetzt nicht mehr.“

Ich hatte eine Krise. Nach über 13 Jahren als Nachhaltigkeitsberaterin fragte ich mich, ob mein Geschäftsmodell noch trägt. Ob das Thema, dem ich meine berufliche Leidenschaft gewidmet habe, einfach so vom Tisch gewischt wird.

Die Antwort, die ich nach Monaten des Nachdenkens gefunden habe: nein.

Nachhaltigkeit geht nicht weg. Aber sie verändert sich.

Und wer das versteht, kann 2026 nicht nur überleben, sondern gestalten.

Brüssel hat nur die Hälfte verstanden

Das Problem war real: 1.178 Datenpunkte in den ursprünglichen ESRS-Standards, sektorspezifische Ergänzungen, Berichtsanforderungen, die selbst Großunternehmen ins Schwitzen brachten. Dass KMU damit überfordert wären, war absehbar. Hier musste etwas passieren.

Und ja, die EU hat mit dem Omnibus-Paket die Standards tatsächlich verschlankt. Das ESRS Set 1 wurde überarbeitet, die sektorspezifischen Standards gestrichen. Die neuen Anforderungen sind deutlich handhabbarer. Soweit, so richtig.

Was Brüssel nicht verstanden hat: Das Problem war die Komplexität, nicht die Reichweite. Die Lösung hätte sein müssen: einfachere Standards für alle. Stattdessen hat man einfachere Standards geschaffen und dann die meisten Unternehmen trotzdem aus der Pflicht entlassen. Die Schwellenwerte wurden von 250 auf 1.000 Mitarbeitende angehoben, kapitalmarktorientierte KMU komplett herausgenommen.

Das ist, als würde man bei einer schweren Prüfung die Aufgaben vereinfachen und dann trotzdem weniger Schüler antreten lassen. Dabei wäre die Prüfung jetzt machbar gewesen. Und mal ehrlich: Die ökologischen und sozialen Herausforderungen betreffen alle Unternehmen, nicht nur die großen. Warum sollte ich als Kundin, als Investorin, als Bewerberin nur bei Konzernen erfahren dürfen, wie sie damit umgehen?

Aber genug zur Regulierung. Denn der interessantere Blick geht nach vorne: Was passiert 2026 tatsächlich?

„Wir müssen nicht mehr“ ist ein teurer Irrtum

Wer glaubt, dass mit dem Wegfall der Berichtspflicht auch die Anforderungen verschwinden, irrt sich. Der Druck kommt jetzt von anderer Seite:

Lieferketten fordern Daten. Großunternehmen unterliegen weiterhin der CSRD und müssen ihre gesamte Wertschöpfungskette abbilden. Das bedeutet: Wer an Konzerne liefert, muss ESG-Daten liefern können. Nicht als Bericht, sondern als Teil der Geschäftsbeziehung. Wer hier nicht handlungsfähig ist, verliert Aufträge.

Banken und Investoren fragen genauer nach. Für Kredite, Fördermittel und Finanzierungen werden Nachhaltigkeitsdaten zur Voraussetzung. In Europa agieren Geldgeber anders als in den USA, wo ESG zum politischen Kampfbegriff geworden ist. Hier bleibt der Druck bestehen.

Greenwashing wird riskant. Ab September 2026 greift die EmpCo-Richtlinie. Begriffe wie „klimaneutral“ oder „nachhaltig“ müssen dann nachweislich belegt sein. Die Deutsche Bank-Tochter DWS wurde 2024 zu 25 Millionen Euro Strafe für irreführende ESG-Angaben verurteilt. Wer behauptet, muss belegen können.

Die Rechnung für „Wir müssen nicht mehr“ kommt also nicht vom Gesetzgeber, sondern vom Markt. Und der verzeiht keine Ausreden.

Was 2026 wirklich auf den Tisch kommt

Dekarbonisierung bleibt wirtschaftlich relevant. Die nationalen Klimaziele bestehen weiter: 65 Prozent Emissionsreduktion bis 2030, Klimaneutralität bis 2045. Der CO₂-Preis im EU-Emissionshandel wird 2026 steigen. Das macht fossile Energie teurer und Effizienzmaßnahmen attraktiver, unabhängig von jeder Berichtspflicht.

Kreislaufwirtschaft wird Pflicht. Am 12. August 2026 tritt die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) in Kraft mit konkreten Vorgaben zur Recyclingfähigkeit und zum Rezyklatanteil. Für Unternehmen, die physische Produkte versenden, wird das operativ relevant.

Biodiversität kommt auf die Agenda. Über 1.500 Unternehmen haben sich der Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) angeschlossen. Die ISO hat 2025 die erste Biodiversitätsnorm (ISO 17298) veröffentlicht. Für die meisten KMU noch kein akutes Thema, aber ein klarer Richtungsweiser.

KI braucht grüne Infrastruktur. Der Energieverbrauch von KI-Rechenzentren wird bis 2030 massiv steigen. Manche Quellen sprechen davon, dass es um das Elffache sein wird. Für IT-Unternehmen wird „Sustainable IT“ zum Differenzierungsthema. Autsch! Gleichzeitig kann KI helfen, Energie zu sparen: durch Echtzeitanalysen, optimierte Steuerung und intelligentes Ressourcenmanagement. Wir sprechen hier also von einem zweischneidigen Schwert.

Infografik „Nachhaltigkeit 2026: Warum das Thema trotz weniger Regulatorik bleibt“ – links die neuen Marktreiber (ESG-Daten als Ticket für Großaufträge, finanzielle Hürden bei Banken, strenge Regeln gegen Greenwashing durch die EmpCo-Richtlinie ab September 2026), rechts die operativen Trends und Meilensteine 2026 (EU-Verpackungsverordnung PPWR tritt in Kraft, steigende CO₂-Preise machen Effizienz attraktiver, von der Compliance zur operativen Steuerung).
Nachhaltigkeit 2026 auf einen Blick: die neuen Marktreiber und die operativen Meilensteine des Jahres.

Der Trend, den kaum jemand auf dem Schirm hat

Während alle über Omnibus diskutieren, passiert etwas viel Wichtigeres im Hintergrund:

Nachhaltigkeit wandert von der Compliance-Abteilung in die operative Steuerung. Das ist kein neues Thema, sondern ein Paradigmenwechsel.

Was heißt das konkret? Unternehmen, die in den letzten Jahren Nachhaltigkeitsdaten gesammelt haben, stellen sich jetzt eine neue Frage: Wie nutzen wir diese Daten, um besser zu werden? Nicht für einen Bericht, sondern für Entscheidungen.

Das erfordert einen anderen Ansatz. Statt einmal im Jahr hektisch Zahlen zusammenzusuchen, braucht es kontinuierliche Prozesse. Statt Sonderprojekt braucht es Integration in bestehende Abläufe. Statt Nachhaltigkeitsbeauftragter als Einzelkämpfer braucht es klare Verantwortlichkeiten in allen Fachabteilungen.

Die Fragen dafür sind einfach: Welche fünf bis zehn Kennzahlen sind für unser Geschäft wirklich relevant? Wer im Unternehmen liefert diese Daten? In welchem Rhythmus werden sie erfasst und besprochen? Und: Welche Entscheidungen treffen wir auf dieser Basis?

Das klingt unspektakulär. Aber genau hier liegt der Unterschied zwischen Unternehmen, die nach Omnibus in der Kaninchenstarre verharren, und solchen, die unabhängig von Vorschriften wissen, wo sie stehen und wohin sie wollen.

Die unbequeme Wahrheit

2025 hat mich gezwungen, mein Geschäftsmodell zu hinterfragen. Das war schmerzhaft. Aber es hat auch Klarheit gebracht. Und eine Erkenntnis, die ich mir lange nicht eingestehen wollte:

Regulierung war nie der echte Hebel.

Ich gehörte zu denjenigen, die 2017 die erste Nachhaltigkeitsberichtspflicht (NFRD) mit großer Freude begrüßten. Weil ich dachte, sie würde die nachhaltige Transformation in großen Schritten voranbringen. Sie half, aber sie war nicht DER Treiber für echte Veränderung.

Nachhaltigkeit, die nur auf regulatorischem Druck basiert, ist fragil. Was bleibt, wenn niemand mehr „muss“? Nur das, was in Strukturen und Prozessen verankert ist.

Die ökologischen Grenzen unseres Planeten interessieren sich nicht für EU-Schwellenwerte. Der Druck aus Lieferketten, von Banken und Kunden bleibt. Die Erwartungen von Mitarbeitenden und Bewerbern bleiben.

Die Unternehmen, die jetzt aufhören, werden es bereuen. Nicht weil eine neue Regulierung kommt. Sondern weil ihre Wettbewerber, ihre Kunden und ihre Mitarbeitenden weitergegangen sind.

Nachhaltigkeit einfach gemacht bedeutet für mich nicht, das Thema kleinzureden. Es bedeutet, es so aufzubereiten, dass Unternehmen ins Handeln kommen. Pragmatisch, strukturiert, umsetzbar.

Das war meine Überzeugung vor Omnibus. Und sie ist es immernoch.

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